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George Lucas und die Schöpfung seiner Welten

BuchumschlagAls ich in der Vorweihnachtszeit 2005 die Buchhandlung Morawa durchstreifte, fiel mir dieses in Format und Gewicht an einen Ziegelstein erinnernde Buch ins Auge – Star Wars ist eben gut für buchstäblich „schwere Literatur“! Beim Durchblättern kam schnell der zugegeben schlichte Gedanke: „Muss haben!!!“

John Knoll, der Autor, hat als Leiter für visuelle Effekte bei ILM an der Entstehung der Special Edition sowie von Episode I-III maßgeblich mitgewirkt. Profunde Information aus erster Hand ist also garantiert.

Sein 744-Seiten-Werk erläutert in Text und zahlreichen Bildern eingehend die Entstehung aller Teile von Star Wars. Sämtliche Filmsets und Dreharbeiten werden genau beschrieben. Nicht nur über Schwierigkeiten wie Sand- und Schneestürme ist hier einiges zu lesen, sondern über die filmtechnische Arbeitsweise bei Star Wars überhaupt: Wie wurden die Miniaturen hergestellt und verwendet, mit welchen perspektivischen Tricks gearbeitet, wie durch Wiederverwertung von (zum Teil umgefärbelten) Kulissen und durch Ausnutzung jedes nur möglichen Blickwinkels Aufwand und Geld gespart?

Selbst für eingefleischte Technik-Muffel wie mich war dies absolut fesselnd: Die Bilder gewähren Einblick in ein X-Wing-Cockpit ebenso wie in Darth Vaders Meditationskammer. Fehler in den Details werden genau erklärt (zB bei den Streben im Fenster des TIE-Fighter-Cockpits). Weiters erfährt man, wie mittels einer ausgeklügelten, flachen(!) Kulisse der Schwindel erregende Eindruck des schier bodenlosen, runden Schachts im Bespin-Atomreaktor erzeugt wird. Und wer hätte gedacht, dass die spiegelnden, schwarzen Böden auf dem Todesstern regelmäßig von der Crew mit Mop und Besen gereinigt werden mussten, bevor man filmen konnte?

In Reihenfolge hält sich John Knoll an die Chronologie der Entstehung der Filme (nicht ihres Inhalts): Er beginnt mit Episode IV-VI, die ca 1/3 des Gesamtwerkes füllen. Sodann sind die Special Edition und Epi I-III an der Reihe. Dadurch werden die Entwicklungen in der Filmtechnik gut sichtbar, insbesondere die zunehmende Bedeutung computergenerierter Elemente (CG). Diese Technik schafft nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch neue Herausforderungen. So mussten bei Aufnahmen mit echten Schauspielern und später eingefügten CG-Figuren (zB Wattoo) letztere gedoubelt oder durch Pappmodelle repräsentiert werden, damit die Blickrichtung der Schauspieler glaubwürdig wurde – besonders witzig: Der Pappkopf auf dem Helm der Sprecherin von Taun We!

Überaus spannend auch die Vorbereitung der Verfolgungsjagd über Coruscant in Episode II: Dazu hat man die Architektur einer Stadt konstruiert, die über Jahrhunderte gewachsen aussehen sollte, und mit Hilfe eines speziellen Computerprogramms den zugehörigen „Straßenverkehr“ geschaffen. Für den Höhepunkt der Saga, den Kampf zwischen Anakin und Obi-Wan, wurde eine „Lava“-Masse erzeugt (die Mischung errät man nie!). Ein digitales Mattegemälde, eine „Riesenminiatur“ und schließlich Fotos eines echten Vulkanausbruchs (Ätna!) bildeten den Hintergrund.

Tröstlich für Nostalgiker ist, dass dabei die „alten“ Techniken wie Matte-Gemälde und Miniaturen nach wie vor häufig zum Einsatz kamen. Auch das Thema „Kulissen sparen“ galt ebenso wie seinerzeit bei den Korridoren des Todessterns nun bei jenen des Handelsföderationsschiffes (Epi I) und in der Jedi-Ratskammer (Epi II). Die Plage mit dem Dauerregen auf Kamino scheint jener mit dem Sumpf auf Dagobah kaum nachzustehen. Anhand der Coruscanter Nachtbar wird die spezielle „Tragödie des Kulissenbaus“ geschildert.

Ein hilfreiches Glossar erklärt am Ende des Werks die verwendeten Fachausdrücke (nur das Stichwort motion control/Bewegungskontrolle fehlt leider). Der Zweck der achtstelligen Ziffer auf jeder linken Seite links unten ist mir übrigens verborgen geblieben; eine Seitenzahl kann es nicht sein – vielleicht ein Rebellen-Geheimcode?

Ein kleiner Kritikpunkt: Manche Bilder der Filmaufnahmen hätte ich mir größer gewünscht, zumal ja gerade die Details interessant sind. Aus demselben Grund stört es mitunter, dass die Bilder bis zum Bug in der Mitte des Buches reichen.

Fazit: Ein auch für „fortgeschrittene“ Fans unglaublich informatives Werk! Und wer sich, wie ich, über die Entstehung von Filmen vorher noch keine Gedanken gemacht hatte, wird nach der Lektüre nicht nur Star Wars, sondern die Filmarbeit überhaupt, deren technische Perfektion und Einfallsreichtum mit völlig anderen Augen sehen. Absolut empfehlenswert!

Sanura Vendera

Titel: George Lucas und die Schöpfung seiner Welten Verlag: Knesebeck
Autor: John Knoll ISBN: 3896603140
Orig. Titel: Creating the Worlds of Star Wars : 365 Days ISBN Orig.: 0810959364
Übersetzer: Wolfgang J. Fuchs Beigaben: CD-Rom

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